Flora und Vegetation im Naturwaldreservat „Riedried“ (Pfälzer Rheinaue) – Vergleich der Erfassungen von 1986 und 2018

Universität Göttingen, Abt. Waldbau & Waldökologie der gemäßigten Zonen; Az.: Göttingen 01/18

Zielsetzung und Methoden:

Im Jahr 1979 wurde das Riedried als NWR ausgewiesen. Seitdem ist die forstliche Nutzung eingestellt und auch meliorative Eingriffe, wie die Räumung der Gräben finden nicht mehr statt. Im Riedried dominieren heute Niedermoorreste, die mit Moorwäldern, aber auch Eichen-reichen Wäldern einen kleinflächig strukturierten Vegetationskomplex bilden.
Hinsichtlich der derzeit im Riedried vorkommenden Waldgesellschaften mit ihrer aktuell noch stark durch den Menschen beeinflussten Baumartenzusammensetzung gilt es abzuschätzen, inwiefern diese bereits der potentiell natürlichen Vegetation nahekommt oder ob langfristig hier ein Wechsel zu erwarten ist. Entscheidend dürfte dabei auch sein, inwieweit die in der Vergangenheit stattgefundenen Eingriffe in die standörtlichen Bedingungen (z.B. Abtorfung, Entwässerung) langfristig reversibel sind und damit eine gewisse Resilienz der ursprünglich vorhandenen, naturnahen Vegetation angenommen werden darf.
Das ursprünglich im Jahr 1984 auf 22 ha gleichzeitig mit der Unterschutzstellung als Natur-schutzgebiet (NSG) ausgewiesene NWR Riedried wurde 1986 erstmals vegetationskundlich untersucht. Diese bieten eine hervorragende Grundlage, um mit der Wiederholungserfassung im Jahr 2018 die Veränderungen der Flora und Vegetation über die vergangenen mehr als 30 Jahren zu beschreiben und zu analysieren. Gleichzeitig erfolgt eine vegetationskundliche Beschreibung und vergleichende Einordnung des 1995 neuhinzugekommenen Bereichs des Naturwaldreservats.

Insgesamt wurden im 1986 bereits erfassten älteren Bereich des Naturwaldreservats im Jahr 2018 64 Vegetationsaufnahmen durchgeführt. Eine exakte Rekonstruktion aller 69 im Jahr 1986 durchgeführten Vegetationsaufnahmen war 2018 jedoch nicht möglich. Im 1995 neu hinzugekommenen Bereich des Naturwaldreservats wurden im Jahr 2018 20 Vegetationsaufnahmen durchgeführt. In Anlehnung an die Voraufnahmen von 1986 wurde für die Vegetationsaufnahmen 2018 zumeist eine Flächengröße von 100 als quadratische Aufnahmefläche gewählt.
Für die Aufnahmen im Jahr 2018 wurde der Bestand in die üblichen Vegetationsschichten unterteilt. Hierbei umfasst die Moosschicht alle bodenbürtigen Moose, die Krautschicht alle Farne, Kräuter, Gräser und Grasartige sowie Gehölze bis 50 cm Wuchshöhe, die Strauchschicht alle Gehölze ab 50 cm bis etwa 5 m Wuchshöhe, die Baumschicht 2 alle unterständigen Bäume im Höhenbereich von ca. 5 bis 20 m, die Baumschicht 1 das Kronendach bildende Bäume größer 20 m Wuchshöhe. Bei der Baumverjüngung in Krautschichthöhe wurde – wenn möglich – noch in diesjährige (K=Keimlinge) und ältere Jungpflanzen (J) unterschieden. Die Schätzung des Deckungsgrads der einzelnen Arten erfolgte 2018 direkt in Prozent.

Ergebnisse:

Mit der vorliegenden vegetationskundlichen Wiederholungserfassung im Riedried konnte sehr eindrücklich die Veränderung der Vegetation im Vergleich zu den Voraufnahmen von 1986 dargestellt werden. Es wird deutlich, dass ein Großteil der Wälder im Riedried, die bisher durch eine vergleichsweise hohe Diversität an Baumarten gekennzeichnet sind, sich höchstwahrscheinlich zu artenärmeren Waldgesellschaften mit einer ausgeglicheneren Wasserversorgung entwickeln werden. Neben dem altersbedingten Ausscheiden der Moor-Birke und dem durch das Eschentriebsterben hervorgerufenen Ausfall der Esche, sind der beginnende Rückgang der Eiche im Altbestand und ihre fehlende Verjüngung bei zunehmendem Anteil an Rot-Buche in allen Schichten deutliches Indiz für diese Entwicklung. Dies betrifft jedoch nicht die nassen, durch frühere Abtorfung auch tieferliegenden und von Erle dominierten Bereiche. Hier hat im Untersuchungszeitraum die Vernässung sogar zugenommen, vermutlich, weil die zahlreichen Entwässerungsgräben ihre Funktion nicht mehr erfüllen.
Mit der Zunahme der Rot-Buche und ihren ökologischen Eigenschaften verschieben sich die Lebens- und Standortsbedingungen, insbesondere auch für die Baumarten in der Verjüngung und die Waldbodenpflanzen. Durch ihre hohe Konkurrenzkraft, ihre stark abschattende Krone sowie ihre hohe Schattentoleranz in der Jugend wird langfristig die Rot-Buche dominieren und insbesondere die Eiche verdrängen.
Ebenso wie die bisherige ungestörte Einwicklung seit nunmehr 40 Jahren im Riedried auf einen Ausfall der Eichen hinausläuft, wurde anhand der langen und intensiven Bewirtschaf-tungsgeschichte der Standorte und Wälder im Riedried aufgezeigt, dass die aktuelle Bestan-dessituation als Ergebnis dieser zu sehen ist. Somit muss einer Einordnung der aktuellen Be-stände als „naturnah“ (LUG 1988, BLE 2007, BfN 2015) widersprochen werden. Die vor-liegenden Erkenntnisse verdeutlichen, v.a. im Hinblick auf das Stellario-Carpinetum als oftmals natürlich angesehener Waldgesellschaft, dass ein Erhalt Eichenreichen Wälder nur über entsprechende die Eichen fördernde waldbauliche Maßnahmen möglich ist. Es wird außerdem deutlich, dass Nichtstun selbst bei hoher Störungsdynamik, wie im Riedried mit zahlreichen auch größeren Lücken und damit einem hohen Lichtangebot nicht ausreicht, um die Eiche langfristig zu erhalten.